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Aufbruch

Autor: Viola | Datum: 17 August 2013, 19:30 | Kommentare deaktiviert

In den letzten zwölf Monaten hieß es für mich:

Wasserkelle statt Klopapier

Löffel statt Messer

Rülpsen statt Nase putzen

Lärm statt Stille

Bauchgefühl statt Ablauf

Zuversicht statt Planung

Planlosigkeit statt Sicherheit

Appetit statt Hunger

Bequemlichkeit statt Bewegung

Kreativität statt Regeln

abwarten statt nachfragen

entspannt sein statt effektiv

Sieht fast so aus, als würde ich meinen guten alten Freund den Kulturschock bald wieder antreffen, was meint ihr?

Montag geht’s in den Flieger nach Singapur. Drei Tage durchatmen und am 23. bin ich zurück im guten alten Deutschland, dem Land des besten Brotes und Bieres, der Kartoffeln und des Sauerkrauts, der viel zu langen Winter, der Ordnung und Pünktlichkeit, der Dichter und Denker, der alten Menschen und jugendlichen Freiheiten…

Zurzeit kämpfe ich noch damit, meine Habseligkeiten in meinen zwei Rucksäcken unterzubringen (Trommel und Wasserkelle müssen mit, so viel steht fest!) und arbeite nebenbei an einem charmanten Lächeln, mit dessen Hilfe ich dann auch hoffentlich das bisschen Übergepäck durchbekomme! ;) Ansonsten bleibt ja immer noch die Schneemann Variante (alles anziehen, was geht) oder ordentlich auf die Tränendrüse drücken… mir fällt da schon was ein!

Ich freu mich auf Euch!!!

 

 

 

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How I met my mother

Autor: Viola | Datum: 27 Mai 2013, 15:43 | Kommentare deaktiviert

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In den letzten zwei von zwölf Staffeln

…habe ich mir zum zweiten Mal im Borobudur die Erleuchtung verschafft

…hatte ich zweieinhalb Wochen Besuch einer hübschen, ausgesprochen abenteuerlustigen Dame aus Deutschland, mit der ich auf entsprechend abenteuerliche Weise eine zutiefst abenteuerliche Insel erkunden durfte

…bin ich ganze fünf Minuten durch die Luft geflogen, um anschließend eine Bruchlandung im Reisfeld hinzulegen

…durfte ich nun auch endlich mal in den Genuss der javanischen Delikatessen Hühnerfuß, Kopf und Gehirn kommen

…kam ich eines Nachts mit Tortencreme in Haaren, Ohren, Klamotten… eingeseift  nach Hause

…habe ich mich zum ersten Mal getraut, wie alle Javaner in der Öffentlichkeit laut zu rülpsen (und wurde anschließend gebührend dafür gefeiert!) J

Jetzt fragt ihr Euch sicherlich (und das zu Recht), ob das Hühnergehirn vielleicht nicht doch zu ungeahnten Aussetzern bei mir geführt hat. Was bitte haben Hühnerfüße im Magen, Vio in der Luft und Torte in den Ohren zu suchen?! Keine Angst, ich habe für (fast) alles eine Erklärung!

Ähnlich wie bei der Serie „How I met your mother“ hat es auch bei mir eine geraume Zeit gedauert, nämlich genau sieben lange Monate, bis ich meine Mutter am anderen Ende der Welt getroffen habe. Damit wären wir bei der mysteriösen deutschen Dame, die eines heißen Freitag Mittags in Winterstiefeln durch die Schiebetüren des Flughafens gestapft kam und stürmisch und tränenreich von einem wilden Lockenkopf im indonesischen Kleid in Empfang genommen wurde. Zweieinhalb Wochen in meiner Welt: indonesische Familie, Freunde und zweites zu Hause kennenlernen, größtenteils nur Bahnhof verstehen, sich mit der guten alten Wasserkelle anfreunden, Kakerlaken Immunität entwickeln, deutsches Brot herbeisehnen, Moschee Geheule verfluchen, indonesisches Essen genießen, Privatsphäre vermissen, den Tod bei jedem Straße überqueren von der Schippe hüpfen, mit diversen Hitzeattacken kämpfen, in den Genuss indonesischer Gastfreundschaft und Großzügigkeit kommen, Unorganisiertheit und Verpeiltheit in ihrer liebenswertesten Form kennenlernen, traumhafte Landschaften sehen, Armut erleben, in eine Flut von neuen Farben, Geschmäcken, Geräuschen, Gerüchen stürzen … Kurz: In eine ganz andere Welt eintauchen.

Das Highlight in diesem zweieinhalb wöchigen Serienhighlight war für mich unser gemeinsamer Urlaub auf Lombok, der Nachbarinsel von Bali, wobei uns bereits der Hinflug einen abenteuerlichen Aufenthalt versprach: Ein kleines, vollgestopftes Flugzeug mit genau zwei Weißen (nämlich wir), welches erst zur Landung den Flughafen anpeilt, sich dann aber in letzter Sekunde dazu entscheidet , doch noch mal in die Höhe zu schießen und uns zwanzig Minuten wackeliges Sightseeing in fragwürdiger Höhe zu bieten- Monsunregen sei Dank! Nach diesem Erlebnis ging es für mich und meiner nun tatsächlich noch käseweißeren Mutter für fünf Tage nach Senggigi, an die Westküste der Insel, von wo aus wir am ersten Tag das Landesinnere erkundet haben. Unsere zuvor geplante Sightseeingtour hat dann jedoch vielmehr eine indonesische Eigendynamik entwickelt und war im Großen und Ganzen ein Abenteuer für sich. Nachdem wir am Morgen mit einer Affenfamilie einen Berg erklungen durften, haben wir uns im Anschluss und zum großen Spaß der Einheimischen durch matschigste Reisfelder und Dschungel geschlagen (nicht ohne uns alle zwei Meter abwechselnd hinzulegen), nur um zu Wasserfällen zu gelangen, die dann netterweise aber doch ganz von selbst auf uns herabgeschossen kamen. Letztendlich haben wir mit Bananenblättern über den Köpfen Unterschlupf in einer kleinen Hütte im Nirgendwo gefunden, wo wir es uns mit unserem lustigen Guid, Snacks und netter Konversation gemütlich gemacht haben. An diesem Tag habe ich festgestellt,  dass es manchmal doch viel schöner ist, wenn Dinge nicht perfekt und nach Plan verlaufen, wenn die Regieanweisung einfach mal über Bord geworfen wird. J Nach diesem Abenteuer hatten wir uns ein paar wunderbare Tage im Luxus von Pool, Meer, köstlichem Essen und kleinem Bungalow mit toller Klimaanlage redlich verdient. Top erholt ging es als Endstation in den Hippieort Kuta an die Südküste Lomboks, wo wir in einer Bambushütte im „Schlümpfen Dorf“ gehaust- und Erkundungstouren durch traumhafteste  Auenland- Landschaften zu kilometerlangen, weißen Stränden gemacht haben- eine unbeschreiblich schöne Zeit! Nach diesen acht Tagen voller wunderbarer und abenteuerlicher Erlebnisse, vielen langen Abenden am Meer mit leckerem Essen, Sternenhimmel, Lichtermeer und Lagerfeuer mussten wir schweren Herzens den Heimweg antreten. Das Staffelfinale war unser Ausflug zum Vulkan Bromo, der mir meine indonesisch gewordene Kondition, aber auch den indonesisch gewordenen Temperaturhaushalt noch einmal gnadenlos vor Augen geführt hat. Während meine Gasteltern und ich uns bei den dort herrschenden, gefühlt arktischen Temperaturen aufs ordentlichste den indonesischen Hintern abgefroren haben, war meine Mutter vielmehr damit beschäftigt, sich über den Verkauf von Schals, Mützen, Handschuhen und Mänteln bei angeblich nur 17 Grad (niemals!) köstlich zu amüsieren. Ein bisschen mehr Mitgefühl bitte! Den anschließenden Aufstieg zum Krater möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Leider hat alles irgendwann ein Ende (außer die Wurst natürlich!) und nach diesen intensiven zweieinhalb Wochen viel uns die Trennung wirklich schwer. Umso dankbarer war ich, dass dann erst einmal zwei Wochen mit Familie Börner und Lena, der Freiwilligen aus Papua, auf mich warteten. Nach dieser „Verdauungspause“ konnte ich wieder ganz in die Kultur eintauchen und gestärkt die neunte Staffel in Angriff nehmen.

Vor allem im Bereich Arbeit hat sich in der letzten Zeit einiges getan. Aufgrund des Umzugs des Aids- Schalters auf das Kirchengelände nur zehn Minuten von mir entfernt, verbringe ich jetzt sehr viel Zeit mit den HIV- Positiven. Wir kochen gemeinsam, spielen Karten und oft sprechen wir über Themen wie Diskriminierung und Stigmatisierung, wobei die HIV- Positiven ganz offen aus ihrem Leben, über Erfahrungen und ihre Krankheit erzählen. Für mich ist die Arbeit oftmals sehr erfüllend, weil sehr viel Dankbarkeit entgegengebracht wird und es ist ein schönes Gefühl, eine Hilfe sein zu können, einfach nur, indem man da ist und Zeit mit ihnen verbringt. In der Schule habe ich mir in den Kopf gesetzt, das Thema Umweltverschmutzung mit den Kindern durchzunehmen. So müssen sich meine armen Schüler derzeitig mit Themen wie Mülltrennung und den Folgen der Umweltverschmutzung auseinandersetzen und werden mit grundlegenden Fragen, zum Beispiel welche Rolle die Umwelt für uns überhaupt spielt und was wir tun können, um der Umweltverschmutzung und dem enormen Plastikkonsum entgegenzuwirken, konfrontiert. Ob es letzten Endes etwas an ihrem Umweltbewusstsein ändert, weiß ich nicht, aber ein Versuch ist es wert! Mehr zu meiner Arbeit in der Schule und mit den HIV-Positiven gibt’s im nächsten Rundbrief, ich will hier ja noch nicht alles vorwegenehmen. ;)

Vor Abschluss bin ich Euch noch die Tortengeschichte und Bruchlandung im Reisfeld schuldig. Letzteres  war eine spontane, zugegebener Maßen leicht waghalsigen Idee, vor allem angesichts der optimalen indonesischen Sicherheitsbedingungen. Ausgestattet mit einem Helm, bei dem das Sprichwort „passt, wackelt und hat Luft“ noch einmal eine ganze neue Bedeutung bekommt und einem klar formulierten Arbeitsauftrag: „Du rennst einfach los, bis der Abgrund kommt und dann schauen wir mal weiter…“, habe ich natürlich keine einzige Sekunde an meinem Überleben gezweifelt! Nur an meinem Magen, der jetzt wohl erst einmal genug vom Parasailing hat...

Apropos Magen. Wie heißt es in Deutschland so schön: „Mit Essen spielt man nicht“? Wie gut, dass ich in Indonesien bin und mich im Notfall ja auch immer noch den javanischen Geburtstagsbrauch berufen kann. An dieser Stelle kann ich von Glück sagen, dass mein Geburtstag in Staffel eins lag und ich somit ohne es zu ahnen noch einmal glimpflich davon gekommen bin. Wer nämlich gedacht hat, dass man hier auf Java als Jugendlicher oder junger Erwachsener am Geburtstag mit Geschenken, Ständchen, Umarmungen und Torte beschenkt wird, der täuscht sich gewaltig! Naja, letzteres stimmt dann doch… so irgendwie zumindest. Der Geburtstag ist vielmehr ein inoffizieller Startschuss, mit dem das Geburtstagskind eine Woche als vogelfrei, oder vielmehr Torten/ Kaffe/ Milch/ Eier und „alles, was sonst noch dreckig macht und schwer aus Haaren und Klamotten rausgeht“- frei  erklärt wird. Verständlicherweise ist dieser Geburtstagsspaß nicht überall üblich und beliebt, wenn man jedoch so bekloppte Freunde hat wie ich, dann selbstverständlich schon! So durfte meine arme Freundin nach gemeinsamen Geburtstagsessen im Restaurant Anfang des Monats zum dritten Mal Opfer dieses schönen Rituals werden. Dass das bei uns allerdings in einer heillosen Tortenschlacht endet, hätte man sich ja eigentlich auch denken können. Wie gut, dass die Javaner zu höflich sind, um Hausverbote zu erteilen. ;)

Wenn ich die letzten zwei Staffeln Revue passieren lasse, bin ich erstaunt darüber, wie viel schon wieder passiert ist. Die Zeit legt ein flottes, deutsches Tempo vor. In drei Staffeln ist die Serie „Chaosnudel in Indonesien“ endgültig abgedreht und bevor  ich jetzt noch sentimental werde, mache ich besser Schluss!

Ich drücke Euch deutsch und damit ganz feste!

Alles Liebe,

eure Vio

PS: Im Album gibt’s neue Fotos!

 

Angekommen

Autor: Viola | Datum: 09 März 2013, 09:33 | Kommentare deaktiviert

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Musste ich letztens tatsächlich von unserer Haushaltshilfe überredet werden, zur Shopping Mall zu laufen, anstatt wie geplant einen der kleinen Busse (Angkots) zu nehmen? „Vio, das sind wirklich nur ein paar Minuten. Laufen ist gesund!“

Am Flughafen in Bali gehe ich auf einen weißen Stuart zu. Im letzten Moment fällt mir ein, dass ich ihn wohl kaum auf Indonesisch fragen kann, zu welchem Schalter ich denn müsse. Für einen kurzen Moment bin ich vollkommen verwirrt. Wie ging das doch gleich mit dem Englisch…?

Zum Kolintang Unterricht komme ich eine ganze Stunde zu spät und werde grinsend mit den Worten empfangen „Richtig so Vio, du hast es kapiert!“

Abends fahre ich mit meiner indonesischen Freundin wie üblich laut singend durch die Straßen. Auf ihre Frage, was wir denn heute Abend essen wollen lautet meine Antwort nur: „Ist mir egal, Hauptsache Reis.“

Sechs Monate Indonesien… und ich bin angekommen.

Jetzt habt ihr schon lange nichts mehr von mir gehört, was sicherlich mit dieser Tatsache zusammenhängt. Ich merke buchstäblich, wie die indonesische Gelassenheit auf geisterhafte Weise von mir Besitz ergreift, wobei sie zugegebener Maßen auch ein herrliche Ausrede für Trödelleien aller Art ist- wie dieser verspätete Blogeintrag. Ich bin wirklich stolz, dass ich mich für Heute den Klauen der Bequemlichkeit entreißen konnte, um Euch endlich einen Einblick in meine letzten zwei indonesischen Monate zu verschaffen. Also, los geht’s! Besser spät als nie, nicht wahr? :)

Nach einem wunderschönen Weihnachten ging es mit meiner Indonesischen Familie nach Bali, wo wir unter anderen meinen Gastbruder und seine Familie besucht haben. Für mich war dieser Urlaub eine tolle Möglichkeit,  diese faszinierende Insel aus einem einheimischen und durch und durch indonesischen Blickwinkel kennen zu lernen. So haben meine Gasteltern in dem Touristenort Kuta zum Beispiel nicht wie alle anderen Touristen eines der unzähligen europäischen Restaurants aufgesucht, sondern sind lieber über eine Stunde in der Gegend rumgekurvt, um irgendwo indonesisches Essen, sprich Reis, aufzutreiben. Ich hingegen war vielmehr damit beschäftigt, völlig verwirrt und schockiert aus der Wäsche zu gucken, bei so vielen weißen, „freizügigen“ Touris, die in knappen Hotpants und Tank Tops, manchmal sogar nur im Bikini (!!!), die Strandpromenade langgestapft sind- Tztztz…bei uns im muslimisch geprägten Java hätte es so etwas nicht gegeben! Nachdem der kleine, anfängliche Kulturschock überwunden war, habe ich es dann aber sehr genossen, nicht wie sonst üblich der „Bule“ (Ausländer) zu sein, der von allen Seiten angestarrt wird. Umgeben von Weißen gehörte ich - zumindest äußerlich- zur totalen Mehrheit, ein vollkommen ungewohntes Gefühl.

Ein absolutes Highlight war für mich das Silvester auf Bali. Mit zehntausenden Menschen aus aller Welt haben wir am Strand das bombastischste Feuerwerk meines Lebens gesehen, das um sieben Uhr abends begann und sich von da an stetig gesteigert hat. Um Zwölf Uhr dachte ich wirklich, der Himmel würde explodieren! Das war einfach unglaublich und grenzte schon fast an Größenwahn! Danach konnte ich erleben, wie ganz Kuta zu einer einzigen, riesigen Tanzfläche wurde. Es war ein Wahnsinns Gefühl, Teil des Ganzen zu sein und dieses großartige Fest „mitgestalten“ zu können! :)

Nach diesem unvergesslichen Neujahr sind meine Gasteltern zurück nach Malang gefahren, wobei ich mit meinem Gastbruder spontan noch ein paar Tage auf Bali bei unserer Familie geblieben bin. In dieser Zeit bekam ich traumhafte, versteckte Buchten, Sandstrände und einen tollen Hindutempel zu sehen. Bali hat mir so gut gefallen, dass meine Gastmutter mich vor ihrer Abreise mehrmals daran erinnerte, doch bitte auch wieder zurück zu kommen „Jangan lupa pulang ya!“ (Vergiss nicht, nach Hause zu gehen!). Nach Bali war ich mehr denn je verzaubert von diesem unbeschreiblichen Land, auch wenn mein Magen aufgrund des scharfen, balinesischen Essens (habe sogar Schildkröte probiert!) noch ein paar Tage lang Achterbahn gefahren ist.

Nach einer relativ kurzen Arbeitsphase im Januar stand dann auch schon das Zwischenseminar vor der Türe, an dem 15 Freiwillige aus unterschiedlichen Organisationen zu mir nach Malang gekommen sind. Das Wiedersehen mit den Freiwilligen der VEM war wunderschön und es gab so viel zu erzählen, zu lachen und zu diskutieren, denn die von den verschiedenen Inseln mitgebrachten „Dialekte“ , ließen den einen oder der anderen die Haare zu Berge stehen. Das ist dann wohl in etwa so, wie wenn in Deutschland der Bayer auf den Schwaben trifft. :) Auf dem Gelände der Kirche hatten wir dann fünf intensive, lehrreiche und schöne Tage zusammen. Der Austausch mit den anderen Freiwilligen und unser darauffolgende Urlaub auf Bali und den Gili- Inseln, hat uns allen unglaublich gut getan und wir haben es sehr genossen, einfach mal Tourist sein zu dürfen, Deutsch zu sprechen, den gleichen Humor zu haben und zu beweisen, dass man auch ohne Reis satt werden kann! :)

Nach dem Urlaub mit den Freiwilligen folgte eine echte „Durchhänger- Phase“, die sich ein bisschen wie ein zweiter Kulturschock angefühlt hat. Ich habe mich plötzlich wieder wie der tollpatschige Riese vom Anfang gefühlt und all die typischen, automatisch internalisierten Verhaltensmuster, wie zum Beispiel die gebückte Haltung und das entsprechende „Permisi“ (Verzeihung), wenn man an älteren Menschen vorbeigeht, kamen mir wieder fremd und ungewohnt vor. Dieses plötzliche Wiederempfinden von Fremdheit und eigener Andersartigkeit war nicht leicht. Auf der anderen Seite wurde mir dadurch aber auch deutlich, wie gut ich mich zuvor schon eingelebt- und an alles gewöhnt hatte. Dass ich „weiß und riesig“ bin, war überhaupt kein Thema mehr gewesen… Seit diese „Krise“ überwunden ist, habe ich mehr denn je das Gefühl, wirklich angekommen zu sein. Ich habe mein zweites zu Hause wieder-, beziehungsweise neugefunden und sehe meine Welt, die Menschen um mich herum und vor allem mich selbst mit anderen Augen.

Mit diesem „neuen Blick“, diesem neuen, viel stärkeren Gefühl der Zugehörigkeit, genieße ich momentan meinen Alltag und das Vertraute. Ich genieße es, mich nicht mehr ständig fragen zu müssen, ob ich mich gerade richtig verhalte und ich genieße es, immer indonesischer zu werden, nicht nur innerlich. Denn mit meiner zunehmend braunen Hautfarbe toppe ich jetzt sogar schon meine Gastmutter, wobei ich nach wie vor die Einzige bin (und immer sein werde), die sich darüber freut. :)

Apropos Äußerlichkeiten. Die indonesische Direktheit schafft es nach wie vor, mich ab und an in wirklich unangenehme Situationen zu verfrachten. So zum Beispiel an meinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub mit den Freiwilligen: Ich laufe durch die große Halle im Krankenhaus, als mir mein Kollege am anderen Ende freundlich entgegenruft ruft „Oh Vio, wie ich sehe, bist du dunkler und dicker geworden!“ Und schwupps stehe ich da wie ein begossener Pudel. Na, vielen Dank für so viel Indiskretion!

Neben dem Pudel fühl ich mich momentan immer öfter wie ein kleines Kind, das sehnlichst auf den Heilig Abend oder den zehnten Geburtstag hin fiebert und jeden Augenblick vor Aufregung und Vorfreude platzen könnte. Der Grund: In zwei Wochen kommt meine Mama zu mir geflogen! Ich kann es kaum erwarten, sie in die Arme zu schließen und ihr meine Welt zu zeigen!!! Bis dahin muss ich mich allerdings noch ein bisschen gedulden und in Anbetracht dessen, dass die Vorfreude- Kleinkind- Attacken in immer kleineren Abständen kommen, in etwa wie die Wehen bei einer Schwangeren, ist es für alle Beteiligten ein echter Segen, dass es nächste Woche erst noch mal ein paar Tage mit meiner Gastfamilie und dem Büro ins geliebte Yogyakarta nach Zentraljava geht. Da hab ich im Sightseeing, Hitze und Shoppingparadies hoffentlich genug Ablenkung. :)

Ich schicke euch eine ordentliche Portion Sonne, Wärme und Gelassenheit und hoffe, es kommt an!!!

Alles Liebe und bis bald,

eure Chaosnudel

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Bright Christmas

Autor: Viola | Datum: 27 Dezember 2012, 01:35 | Kommentare deaktiviert

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Als wir einmal das Weihnachtsbaumschmücken meiner großen Schwester überlassen haben und ich anschließend unser kleines, verzweifeltes Bäumchen betrachtete, dessen Grün sich unter den Unmengen von glitzernden Lametta und wild leuchtenden Christbaumschmuck nur erahnen ließ, glaubte ich nicht mehr an eine Steigerung weihnachtlichen Kitschs. Oh weit gefehlt! Was sich mir hier diesen Monat geboten hat, überschreitet jegliche Vorstellungskraft.

Da bin ich wieder mit einem neuen Einblick in meinen heißen, regnerischen und leuchtenden letzten Monat, den Dezember.

Während ich gegen Ende November noch stark daran zweifelte, bei 36 Grad jemals in eine Art Weihnachtsstimmung zu kommen, endete sich alles schlagartig mit meinem ersten Weihnachten am 12. Dezember. Moment mal, erstes Weihnachten?! Tja, die Indonesier scheinen sich wohl nicht ganz auf ein Datum geeinigt haben zu können. Während man bei uns in Deutschland schon Wochen vorher mit Adventskalender und Kranz auf den Heiligen Abend hin fiebert, wird hier ab dem ersten Dezember einfach ständig überall Weihnachten gefeiert. Ob in der Schule, auf der Arbeit oder in der Kirche, jedes Mal gibt es ein riesen Spektakel mit Gottesdienst, tausend Auftritten, viel Gesang und natürlich ganz viel Essen.

Aber selbst wenn man nicht die Freude hat, von einer Weihnachtsfeier zur nächsten zu tanzen oder wie der Großteil der javanischen Bevölkerung Muslim ist und somit gar kein Weihnachten feiert, ist es hier schlicht weg unmöglich, Weihnachten zu vergessen- trotz Hitze und Palmen. Ich habe es vorhin schon angedeutet. Die Javaner LIEBEN Kitsch, es kann einfach nicht genug davon geben. Allgemeine Faustregel: Je mehr es glitzert, desto besser! So wurde mein Augenlicht in diesem Monat stark strapaziert. Die Weihnachtsbäume (ja, die gibt es hier auch, allerdings nur aus Plastik) werden mit funkelndem Kram nur so überschüttet und auch der Weihnachtsbaum in der Kirche leuchtet rund um die Uhr wie wild in allen nur erdenklichen Farben- wie soll sich da noch einer auf die Predigt konzentrieren? Auch vor den Shoppingmalls stehen überdimensionale Weihnachtsfiguren neben beleuchteten Palmen und das hat dann irgendwie auch schon wieder Stil!

Bei meinem ersten Weihnachten haben uns sechzig Frauen aus unserem Hauskreis die Bude eingerannt. Gemeinsam mit dem Pfarrer musste ich vorne „White Christmas“ trillern- es lebe die Ironie! Mit diesem Auftritt habe ich dann wohl unfreiwillig den Startschuss für sämtliche weitere gegeben und der darauf folgende Weihnachtsmarathon bot reichlich Gelegenheit. Mittlerweile bin ich schon gewohnt, zwei Minuten vorher gefragt zu werden und bin bei den abenteuerlichsten Aktionen dabei. Ich sag nur: Augen zu und durch! So musste ich bei der Weihnachtsfeier der Kinder in der Kirche doch tatsächlich singend im weißen Gewand und Engelsflügeln auf der Bühne stehen- Langsam kann mich nichts mehr schocken!

Am 24. gab es dann einen dreistündigen Festgottesdienst mit rund 1000 Besuchern, auf den wir und unzählige anderen schon wochenlang hingearbeitet haben. Vor etwa zwei Monaten habe ich begonnen, Kolintang zu lernen, ein traditionelles indonesisches Instrument (ähnelt dem deutschen Xylophon). Mit meiner Kolintanggruppe bin ich im Weihnachtsgottesdienst drei Mal aufgetreten und habe außerdem vorne auf der Bühne das deutsche „Oh du fröhliche“ zum Besten gegeben, wobei mir mein Herz vorher ordentlich ins Kleid gerutscht ist, wie ihr euch sicher denken könnt. Im Endeffekt haben sich aller Stress und alle Aufregung gelohnt. Alle Auftritte sind super gelaufen, es hat tierisch Spaß gemacht und ich war unglaublich glücklich und erleichtert, als alles geschafft war.

Nie hätte ich gedacht, dass ich hier in Indonesien so schöne Weihnachten und vor allem einen so schönen Heilig Abend feiern würde. Dieser folgte nämlich im Anschluss an den Gottesdienst mit einiger Verspätung. Gemeinsam mit der Familie Börner und einer Studentin aus Leipzig, die wir hier kennengelernt haben, hatten wir einen wunderschönen Weihnachtsabend mit köstlicher Hacktorte (großes Lob an die Erfinder!), lustigen Spielen, Bescherung und wunderschönen Zusammensein. Und so habe ich mich an diesem Abend mit meiner geliebten Heimat ganz verbunden gefühlt- ein großes Geschenk.

Seit Heilig Abend bin ich im stolzen Besitz einer elektrische Mückenklatsche, die die kleinen Biester mit einem Licht anlockt, herrliche Stromschläge verteilt und jedes Mal einen wundervollen Knall von sich gibt, wenn ich eines von den Monstern erwischt habe- Musik in meinen Ohren! Mückentöten ist mittlerweile schon zum richtigen Hobby geworden. Zurzeit wird man von denen nämlich buchstäblich gefressen, was wir der Regenzeit zu verdanken haben. In der Regel gibt’s einmal am Tag einen ordentlichen Monsunregen, der auch gerne mal mehrere Stunden andauert, eine tolle Geräuschkulisse aus Blitz und Donner mit sich bringt und ganze Straßen unter Wasser setzt- da kann man schon fast auf Gondeln umsteigen. Bevor der Himmel beginnt, sich vollends zu entleeren ist es meistens brühend heiß. Nach dem Regenguss kühlt es dann deutlich ab. Dieser Wechsel macht meinem Köpfchen etwas zu schaffen und trägt mit dazu bei, dass mein Temperaturhaushalt immer weiter fröhlich in den Keller wandert. So langsam frage ich mich ernsthaft, wie ich den nächsten deutschen Winter überstehen soll, wenn ich schon bei 28 Grad zu frieren beginne und mit Pullover durch die Gegend stapfe…

Neben all den Weltuntergängen und Weihnachtstamtam ging das Arbeitsleben natürlich wie gewohnt weiter. Das Unterrichten macht mir immer mehr Spaß und ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ich das noch einmal sagen würde, aber: Ich gehe richtig gern zur Schule! :) Mittlerweile hat sich eine entspannte Routine eingestellt. Ich habe den Dreh raus, weiß, welche Methoden bei welcher Klasse am besten funktionieren und genieße den Freiraum, den ich beim Unterrichten habe. Der Deutschunterricht bietet eine tolle Möglichkeit, den Kindern mal eine ganz andere Kultur zu vermitteln. Mittels Quiz, kleinen Referaten und Spielen geht es von deutschen Berühmtheiten bis hin zu deutschem Wetter, Essen und natürlich deutschem Fußball. Ich stelle zunehmend fest, dass mir die Kinder immer mehr ans Herz wachsen und freue mich morgens über eine freudestrahlende, stürmische Begrüßung ihrerseits.

Auch bei der Arbeit im Krankenhaus hat sich Routine eingestellt und ich kann einiges an anstehenden Aufgaben schon selbstständig übernehmen. Die Betreuung der HIV- Positiven ist nach wie vor spannend und bewegend zugleich. Ich weiß am Morgen nie, was mich erwartet. Jedes Mal, wenn wir mit den Dokumenten und Medikamente besorgen fertig sind, besuchen wir die Station der HIV- Positiven. Die Besuche bringen schöne, aber auch erschreckende und traurige Erlebnisse mit sich. Während wir uns oft an Fortschritten und gesundheitlicher Besserungen erfreuen können, gibt es aber auch immer mal wieder Patienten, die starke Schmerzen haben und kaum atmen können. Das ist schwer mit anzusehen, weil man so gerne helfen möchte, ihnen die Schmerzen aber nicht nehmen kann. Auch wenn die Erfolge überwiegen und die Patienten nach ihrem Aufenthalt gestärkt nach Hause gehen, kommt es leider auch vor, dass Patienten sterben. Dann stehe ich plötzlich vor einem leeren Bett. Dass das Leben und ein gesunder Körper ein großes, nicht selbstverständliches Geschenk ist, wird mir immer wieder neu bewusst.

Neben der Arbeit war mein Alltag in diesem Monat erfüllt von schönen gemeinsamen Nachmittagen und Abenden mit Familie Börner, bei denen ich jeder Zeit willkommen bin und gerne auch mal typisch indonesisch unangekündigt zur Tür reinplatze. Ein Stück Heimat in der Ferne und das nicht nur wegen des guten deutschen Essens! ;)

Auch meine indonesische Familie wächst mir mächtig ans Herz und ich fühle mich immer mehr zu Hause. Seit Anfang Dezember ist mein Indonesienpapa offizieller Pizzabäcker und verkauft jeden Abend am Straßenrand die beste indonesische Pizza der Welt, um hier mal ein bisschen zu prahlen. :) Auch wenn die Pizza die Halluzinationen von singenden Spekulatius vor meinem inneren Auge nicht ganz vertreiben kann, ist der freie Zugriff auf Pizza natürlich ein echter Genuss! Um Weihnachten rum ist bei uns Full House angesagt und der ganze Trubel lenkt wunderbar ab von sehnsüchtigen Gedanken an meine Liebsten zu Hause, die ich – trotz tanzenden Vanillekipferl vor der Webcam (Ja Papa, du bist gemeint! :))- soo gerne einmal feste in die Arme schließen würde!

Zuletzt dürft ihr noch einmal raten, wo ich mit meiner indonesischen Familie ins neue Jahr reinfeiern werde. Na, eine Idee? Welche Insel liegt direkt neben Java?! Genau! Leute, es geht für mich nach BALI!!! :)

In diesem Sinne wünsche ich euch allen Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch in 2013! Nächstes Jahr bin ich wieder dabei!

Ganz viel Liebe und Wärme ans andere Ende,

eure Chaosnudel

PS: Mein Weihnachtsgeschenk an euch: Es gibt endlich Fotos! Besser spät als nie, nicht wahr? :)

 

Kulturschock 2.0

Autor: Viola | Datum: 25 November 2012, 07:52 | Kommentare deaktiviert

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Die Top Vier der meist gestellten Fragen in den letzten sechs Wochen:

Platz 1: Excuse me Miss (oder auch gerne mal Mr.- es lebe das Katastrophenenglisch!), can I take a picture with you?

Platz 2: Hast du schon gegessen?

Platz 3: Wieso machst du beim Gehen immer so große Schritte?

Platz 4: Wieso isst man in Deutschland nicht jeden Tag Reis? Ist der da etwa zu teuer?

Da kann man schon mal ganz schön dumm aus der Wäsche gucken! Hier bin ich wieder mit neusten Nachrichten aus meiner bunten Welt am anderen Ende.

In den letzten sechs Wochen hat sich hier so einiges ereignet: Happy New Home, Arbeitsleben, neue Herausforderungen, Durchhänger und Highlights, Alltag. Aber wie immer schön Deutsch und der Reihe nach.

Alles begann mit einem großen Tapetenwechsel. Von meiner eigenen kleinen Wohnung auf dem Gelände der Kirche bin ich in eine Familie umgezogen, ein Stück weiter in Richtung Stadtkern und nur zwei Minuten deutschen Schritttempos von der Kirche entfernt. Auch wenn ich mich vom ersten Augenblick an willkommen gefühlt und mich mit meinen Gasteltern sofort super verstanden habe, war es zunächst natürlich eine ungewohnte Situation für mich: Einzelkind sein, so gut wie durchgehend unter Beobachtung stehen, der ungewohnte Luxus einer Haushaltshilfe, sich ständig für alles erklären müssen, ausschließlich Indonesisch sprechen… Kurz: Ein bunter Mix aus schön und anstrengend. Mittlerweile hat sich alles eingependelt und ich fühle mich fast immer pudelwohl hier. Meine Gasteltern habe ich sehr schnell ins Herz geschlossen. Meine Gastmutter ist eine herzliche Frohnatur, die für ihr Leben gerne lacht und mein Gastvater ein nicht weniger humorvoller, wenn auch etwas stillerer Mensch, der dreißig Jahre in Europa gelebt hat und ebenso wie ich noch nicht Herr der javanischen Sprache ist. Er scheint es im Gegensatz zu mir aber auch nicht vorzuhaben.J Generell fegt bei uns ein moderner und westlicher Wind durchs Haus. So ist meinem Freiraum keine Grenze gesetzt und auch beim Essen macht sich der westliche Einfluss bemerkbar. Bei uns gibt es nicht wie üblich drei Mal täglich Reis, sondern morgens und abends „Brot“ (weiß, weich und ungesund- es lebe das deutsche Körnerbrot!). Ansonsten sind wir alle sehr viel beschäftigt, so dass man meist abends vorm Schlafengehen zusammen sitzt, quatscht, lacht und Mangos schlachtet. Gemeinsame Familienaktionen sind jede Woche Gottesdienst und Hauskreis. Ab und zu kommt auch gerne mal meine Gastschwester aus Zentraljava mit ihrem kleinen Sohn zu Besuch und wir machen Ausflüge, gehen ins Kino oder zusammen Essen.

Mit dem Einzug in eine Familie hat auch meine Arbeit begonnen, die sich glücklicherweise als ausgesprochen vielfältig erweist, mir jedoch vor allem anfangs so einiges an Nerven geraubt hat. Meine ersten zwei Arbeitswochen waren aufgrund des indonesischen Verständnisses von Planung und Ordnung sehr anstrengend. So wusste ich in meiner ersten Arbeitswoche meistens am Morgen noch nicht, wo ich kurze Zeit später arbeiten sollte. Zwei Mal wurde ich spontan einfach in eine Klasse reingestellt, quasi ohne Vorwarnung auf die armen Kinder losgelassen- Spontaneität und Gelassenheit sind hier wirklich das A und O. Ganz dem bequemen, indonesischen Tempo entsprechend, hat es gute zwei Wochen gedauert, bis sich arbeitstechnisch alles eingependelt hatte. Das Ergebnis ist ein buntes Konzept: Mein Hauptaufgabenbereich ist die Arbeit mit aidskranken Menschen. Zwei Mal die Woche (montags und mittwochs) arbeite ich gemeinsam mit meinen Kollegen vom HIV- Aids -Schalter im Krankenhaus in der Abteilung für Aidskranke. Wir kümmern uns um ihre Dokumente, besorgen Medikamente, begleiten HIV- Positive zu Untersuchungen, fahren sie ins Laboratorium oder besuchen sie und sehen, wie es ihnen geht und ob sie irgendetwas brauchen. Die Arbeit im Krankenhaus ist immer mit sehr viel Warten verbunden, weil außer uns noch sehr viele andere HIV- Positive ihre Medikamente regelmäßig abholen müssen- die Abteilung für Aidskranke erinnert an eine Flughafenhalle und teilweise ist es erschreckend, welche Schicksale ich hier zu sehen bekomme.

An zwei Tagen die Woche gibt es für mich dann das Kontrastprogramm schlechthin. Habe ich doch die letzten dreizehn Jahre meines Daseins schon die Schulbank drücken müssen und eigentlich gedacht, dieses Kapitel erfolgreich hinter mich gebracht zu haben, geht es jetzt doch wieder zurück, wenn auch diesmal in einer anderen Rolle: Ich bin die Lehrerin und habe das Sagen- zumindest theoretisch. Dienstags unterrichte ich Klasse vier, fünf und sechs in Englisch, jeweils zwei volle Stunden am Stück. Freitags unterrichte ich an einer anderen Schule Deutsch für die sechste Klasse. Auch wenn das Unterrichten anstrengend ist, macht es doch meistens Spaß.

Donnerstags arbeite ich im HIV- Aids Schalter und erledige, was gerade so ansteht. Von Sortieren und Vervollständigen der Akten und Dokumente bis zur riesen Putzaktion mit meinen Kollegen ist alles dabei. Danach stehen unsere wöchentlichen Hausbesuche an, was für mich der schönste und spannendste Teil meiner Arbeit ist. Dann fahren wir in umliegende Dörfer oder verschiedene Teile der Stadt und besuchen unterschiedlichste Menschen und Familien, die von Aids betroffen sind. Oft sind es Kinder, deren Eltern schon gestorben sind und die bei ihren Großeltern oder anderen Verwandten leben. Wir bringen ihnen Milch und manchmal auch andere Lebensmittel, reden mit der Familie, hören zu, welche Anliegen sie gerade haben und sind einfach für sie da. Diese Besuche geben mir immer einiges zum Nachdenken. Das ist schon eine ganz andere Welt mit so ganz anderen Problemen…

Auch am Wochenende fällt immer mal wieder Arbeit an. Samstags habe ich zwei Mal an einer Schule für Kinder aus ärmeren Verhältnissen unterrichtet. An einem Wochenende habe ich bei einem Retreat der Kirche in der Nachbarstadt „Batu“ als Referentin gearbeitet, wo ich vor knapp vierzig Kindern eine Geschichte vorgelesen und eine kurze Andacht gehalten habe, das Ganze auf Indonesisch- eine echte Herausforderung!

Neben der Arbeit bleibt aber auch immer noch genügend Freizeit und so waren in den letzten sechs Wochen einige sehr schöne Erlebnisse mit meinen indonesischen Freunden dabei. Neben Ausflügen in die Nachbarstadt „Batu“ und lustigen WG- und Caféabenden, haben wir auf zwei Konzerten gerockt (und da ist es echt von Vorteil, größer als schätzungsweise 85 Prozent der anwesenden Studenten zu sein! Egal, wo man steht, man hat immer einen super Blick auf die Bühne J).

Mein absolutes Highlight der letzten sechs Wochen war ein Kurzurlaub in der großartigen Stadt Yogyakarta, zu der mich meine indonesische Freundin Grace begleitet hat. Allein die Fahrt nach Zentraljava war ein Abenteuer für sich: Elf Stunden im windschiefen Kleinbus ordentlich durchgeschüttelt werden, das Ganze natürlich wie immer ohne Anschnallgurte und mit einem Fahrer, der den Bus dann auch einfach mal über den Straßengraben jagt, weil er keine Lust auf Stau hat- genau nach meinem Geschmack! J 

In Yogyakarta ging es ebenso abenteuerlich weiter. Neben der größten hinduistischen Tempelanlage Indonesiens, dem Prambanan, haben wir im Borobudur Tempel, der größten buddhistischen Manifestation der Welt, bei Temperaturen von über vierzig Grad den Weg zur Erleuchtung gefunden. An Kultur und Hitzewallungen hat es uns in diesen Tagen nun wirklich nicht gefehlt und neben weiteren Sehenswürdigkeiten im schönen, bunten und heißen Yogya haben wir vor allem das Shoppingparadies voll und ganz ausgeschöpft und so ziemlich den halben Basar leergeshoppt. An dieser Stelle kann ich die Handelskunst meiner indonesischen Freundin Grace wirklich nur gen Himmel loben! Wundervolle Schnäppchen, die einen wirklich die Freudentränen in die Augen jagen. Allein dafür hat sich der weite Weg schon gelohnt!

Diese vier Tage waren nicht nur deshalb ein Highlight, weil ich meine erste warme Dusche nach zweieinhalb Monaten genießen durfte (ich dachte wirklich, ich bin im Himmel!) und endlich mal wieder PIZZA gegessen habe (alles, was ich hier bisher in diese Richtung gegessen habe, kann man wirklich nicht als solche bezeichnen!), sondern vor allem, weil wir dort Familie Börner aus Deutschland besucht haben, die in Yogya zur Zeit ihren Sprachkurs absolviert und in zwei Wochen zu mir nach Malang zieht. Ich freue mich riesig!

Gemeinsam werden wir dann wohl versuchen, bei 35 Grad ein bisschen Weihnachtsstimmung heraufzubeschwören, denn davon ist hier wirklich noch nichts zu spüren.

In diesem Sinne heiße und sonnige Grüße ins kalte, vorweihnachtliche Deutschland. Esst Lebkuchen für mich mit!

Bis bald, eure Chaosnudel

 

 

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