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Tapetenwechsel

Autor: Viola | Datum: 07 Oktober 2012, 09:36 | Kommentare deaktiviert

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In den letzten drei Wochen

- musste ich mich mindestens eintausend Mal gemeinsam mit irgendwelchen Indonesiern fotografieren lassen

- habe ich mich unsterblich in den internationalen Supermarkt „Lai Lai“ bei mir um die Ecke verliebt

- bin ich immer noch nicht hinter das Rätsel gekommen, wie die Indonesier es schaffen, stundenlang auf hartem Boden sitzen zu können

- habe ich hautnah miterlebet, wie Henne Elma unter die Räder unseres Motorrads geriet und anschließend die erste Fahrerflucht meines Lebens begangen, aufgrund des Bauern und seiner Mistgabel…

- wurde ich zum ersten Mal von einem indonesischen Busfahrer ordentlich übers Ohr gehauen

- habe ich vor knapp 190 indonesischen Frauen ein deutsches Geburtstagslied geträllert, weil mir in dieser Situation spontan ansonsten nur „Alle meine Entchen“ eigefallen ist und und und…

Was soll ich sagen, jeder Tag ein kleines bis großes Abenteuer! Hier ein neuer Einblick aus meiner aufregenden, bunten, sonnigen, verrückten und so ganz anderen Welt am anderen Ende:

In den letzten drei Wochen bin ich schon ordentlich rumgekommen. Neben vielen Tempelbesichtigungen und einem Ausflug nach Surabaya, der größte Stadt Westjavas (zuvor habe ich nicht an eine Steigerung an Verkehrschaos geglaubt, aber ja, es gibt sie!), stand ich auch schon am Rande des „Lumpur Panas Lapindo“, der 2006 von einem Vulkan verschütteten Stadt. Am darauffolgenden Wochenende sind wir für einen Tag an den Singdang biru Strand an der Südküste Westjavas gefahren. Auf dem Weg dorthin konnte ich die traumhafte Landschaft bestaunen, wunderschöne Bergketten und Palmendschungel. Am Strand habe ich fasziniert die Ankunft der Fischer beobachtet und war zum ersten Mal auf einem richtigen Fischmarkt- ein toller Tag! Wer hätte gedacht, dass ich genau ein Wochenende später schon wieder an diesem Strand stehen würde, gemeinsam mit einer siebenköpfigen Mannschaft, alle bis oben hin vollgepackt mit Campingkram und Vorfreude. Aber alles zu seiner Zeit…

Denn erst mal stand ja noch mein Zwanzigster vor der Türe, den ich dieses Jahr vor lauter Trubel beinah vergessen hätte. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich hier vor lauter schönen Erlebnissen oftmals das Gefühl habe, jeden Tag Geburtstag zu haben oder ob ich diesen Tag ohne meine Zwillingsschwester vielleicht einfach nicht so richtig ernst nehmen kann. Jedenfalls ist mein Geburtstag dieses Jahr irgendwie untergegangen. Statt Gratulation, Umarmungen und Geburtstagskuchen bin ich  morgens mit meiner Freundin Grace durchs Reisfeld gestapft und habe eine Spritztour durch den Dschungel gestartet- auch nicht schlecht! Zurück aus dem Dschungel wartete dann aber doch noch ein kleiner Geburtstags Muffin und ein paar schöne Armbänder aus Bali auf mich, über die ich mich sehr gefreut habe! Dann sind wir zuerst bei einem Shopping Outlet und danach bei meinem geliebten „Lai Lai“ vorbei geschneit- Frauen wissen sich bei so etwas ja bekanntlich immer zu helfen. Mit zwei prall gefüllten Taschen und innerer Zufriedenheit gab es abends noch Lasagne im internationalen Restaurant, die den fehlenden Geburtstagskuchen ein Stück weit wieder weg machen konnte. Zu Hause mache ich Skype an und blicke ich in sechs leuchtende Augenpaare, die mir strahlend „Happy Birthday“ entgegen schmettern. Und zum ersten Mal fühlt es sich tatsächlich an wie mein Geburtstag. Auch wenn es für mich dieses Jahr kein richtiger war, ein schöner Tag war es trotzdem! Nächstes Jahr dann aber gerne wieder mit Geburtstagskuchen, Kerzen und ganz vielen Umarmungen!!!

Das absolute Highlight der letzten zwei Wochen und eigentlich meiner ganzen bisherigen Zeit hier, war der Camping Trip nach „Sempu Island“, zu dem mich meine Freundin Grace eingeladen hatte. Mit den Motorrädern sind wir Freitagmittag von Malang aus runter an den Singdang biru Beach gefahren. Von dort ging es mit dem Boot nach „Sempu Island“, wo eine eineinhalb stündige Wanderung durch den Dschungel auf uns wartete. Hier konnte ich die indonesische Bequemlichkeit dann noch einmal ganz neu erleben. So mussten wir alle vier Minuten eine Pause einlegen und bei dem Anblick der völlig erschöpften Meute, die sich da vor mir auf dem Boden ausbreitete, konnte ich vor lauter Lachen kaum noch einen Fuß vor den anderen setzten. Irgendwann sind wir dann aber doch angekommen, im Paradies! Weißer Strand, türkises, glasklares Wasser und dazu noch eine Truppe wie die unsere, bei der die Harmonie von der ersten Minute an stimmte. Da kann man schon mal über die garstigen kleinen Äffchen hinwegsehen, von denen es da nur so wimmelt und die alles an sich reißen, was nicht niet- und nagelfest ist. Alles in allem hatten wir eine großartige Zeit zusammen. Die Kommunikation bestand meist aus einem Mix von Indonesisch, Javanisch, Englisch und gemeinsamem Gegröle internationaler Klassiker (ich glaube ich habe noch nie so viel gesungen wie an diesem Wochenende). An unserem ersten Abend haben wir Fische über dem Lagerfeuer gebraten, die wir Mädels vorher zubereitet hatten, wobei uns beim Sauber machen der Teller mit einem Kilo Fisch flöten gegangen ist und wir kreischend und lachend hinterher stürmen mussten- großes Kino! Ich habe zum ersten Mal einen Fisch aufgeschnitten, was für die anderen sehr amüsant mit anzusehen war und man glaubt es kaum: Ich habe sogar Fisch gegessen und muss leise gestehen, dass er sogar gar nicht mal so schlecht geschmeckt hat… Eingeschlafen bin ich unter dem schönsten Sternenhimmel. Manchmal ist das Leben einfach nur perfekt!

Nach diesem Wochenende konnte ich mich an meiner immer indonesischer werdenden Haut erfreuen, wobei ich tatsächlich die Einzige bin, die das hier schön findet: „Mensch Vio, die schöne weiße Haut!“ Jetzt mal im Ernst, wann hatte ich denn bitte jemals schon mal weiße Haut?! Hier ist man jedenfalls genau so sehr darauf besessen, weiß zu werden, wie wir in Deutschland darauf, uns braun zu braten. Anstatt wie viele Deutsche regelmäßig unter die Sonnenbank zu hechten, Bräunungscreme zu verwenden oder sich am Strand von Mallorca buchstäblich rösten zu lassen, rennt man hier bei 28 Grad und strahlender Sonne auch gerne Mal mit Regenschirmen durch die Gegend oder malt sich das Gesicht einfach weiß an…

Ein weiteres Abenteuer war für mich der erste Besuch eines traditionellen Marktes. Noch nie zuvor habe ich etwas Derartiges erlebt! Solche Mengen an Essen und Menschen auf engstem Raum! Überall will einem jemand etwas andrehen, man kann sich kaum bewegen, tritt beinah auf die Obdachlosen auf dem Boden, die einen um Geld anbetteln. Blickt man zur Seite sieht man haufenweise tote Fleischfetzten, Innereien und Köpfe aller nur erdenklichen Tiere direkt neben Bergen von verschiedensten Früchten, Süßigkeiten, Gemüsesorten… Bei diesem Anblick, aber vor allem bei diesen Gerüchen, musste ich wirklich stark gegen die Übelkeit ankämpfen. So schnell muss ich da auf jeden Fall nicht wieder hin…

Nach solchen Erlebnissen wird mir immer wieder bewusst, in was für einer ganz anderen Welt ich hier lebe. Wenn ich dann aber wiederum abends mit meinen Freunden unterwegs bin, wir ins Kino, in die Shoppingmall oder ins Café gehen, kommt es mir nicht vor, als sei ich gerade über elftausend Kilometer von Deutschland entfernt. Hier prallen einfach zwei Welten aufeinander und dieses Kontrastprogramm pur ist manchmal erschreckend, faszinierend, zwischenzeitlich aber tatsächlich auch ein bisschen amüsant. Diese Stadt macht Langeweile einfach unmöglich.

Umso mehr freut es mich, dass es für mich bei meinem anstehenden Umzug in eine Familie nur ein paar Straßen weiter geht, direkt in den Stadtkern und näher an meinen geliebten „Lai Lai“.

Nicht nur im Hinblick auf meinem Umzug ist für mich jetzt Tapetenwechsel angesagt. Mein Vorbereitungskurs in Sprache und Kultur ist nun endgültig abgeschlossen und ich fange Montag an zu arbeiten. Fürs Erste arbeite ich vormittags in der Schule, wahrscheinlich als Englischlehrerin und kann nachmittags bei verschiedensten Aktivitäten im HIV- Aids Schalter aushelfen. Ich bin gespannt und freue mich!

Sonnigste, wärmste und herzlichste Grüße,

eure Chaosnudel

 

 

 

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