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Kulturschock 2.0

Autor: Viola | Datum: 25 November 2012, 07:52 | Kommentare deaktiviert

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Die Top Vier der meist gestellten Fragen in den letzten sechs Wochen:

Platz 1: Excuse me Miss (oder auch gerne mal Mr.- es lebe das Katastrophenenglisch!), can I take a picture with you?

Platz 2: Hast du schon gegessen?

Platz 3: Wieso machst du beim Gehen immer so große Schritte?

Platz 4: Wieso isst man in Deutschland nicht jeden Tag Reis? Ist der da etwa zu teuer?

Da kann man schon mal ganz schön dumm aus der Wäsche gucken! Hier bin ich wieder mit neusten Nachrichten aus meiner bunten Welt am anderen Ende.

In den letzten sechs Wochen hat sich hier so einiges ereignet: Happy New Home, Arbeitsleben, neue Herausforderungen, Durchhänger und Highlights, Alltag. Aber wie immer schön Deutsch und der Reihe nach.

Alles begann mit einem großen Tapetenwechsel. Von meiner eigenen kleinen Wohnung auf dem Gelände der Kirche bin ich in eine Familie umgezogen, ein Stück weiter in Richtung Stadtkern und nur zwei Minuten deutschen Schritttempos von der Kirche entfernt. Auch wenn ich mich vom ersten Augenblick an willkommen gefühlt und mich mit meinen Gasteltern sofort super verstanden habe, war es zunächst natürlich eine ungewohnte Situation für mich: Einzelkind sein, so gut wie durchgehend unter Beobachtung stehen, der ungewohnte Luxus einer Haushaltshilfe, sich ständig für alles erklären müssen, ausschließlich Indonesisch sprechen… Kurz: Ein bunter Mix aus schön und anstrengend. Mittlerweile hat sich alles eingependelt und ich fühle mich fast immer pudelwohl hier. Meine Gasteltern habe ich sehr schnell ins Herz geschlossen. Meine Gastmutter ist eine herzliche Frohnatur, die für ihr Leben gerne lacht und mein Gastvater ein nicht weniger humorvoller, wenn auch etwas stillerer Mensch, der dreißig Jahre in Europa gelebt hat und ebenso wie ich noch nicht Herr der javanischen Sprache ist. Er scheint es im Gegensatz zu mir aber auch nicht vorzuhaben.J Generell fegt bei uns ein moderner und westlicher Wind durchs Haus. So ist meinem Freiraum keine Grenze gesetzt und auch beim Essen macht sich der westliche Einfluss bemerkbar. Bei uns gibt es nicht wie üblich drei Mal täglich Reis, sondern morgens und abends „Brot“ (weiß, weich und ungesund- es lebe das deutsche Körnerbrot!). Ansonsten sind wir alle sehr viel beschäftigt, so dass man meist abends vorm Schlafengehen zusammen sitzt, quatscht, lacht und Mangos schlachtet. Gemeinsame Familienaktionen sind jede Woche Gottesdienst und Hauskreis. Ab und zu kommt auch gerne mal meine Gastschwester aus Zentraljava mit ihrem kleinen Sohn zu Besuch und wir machen Ausflüge, gehen ins Kino oder zusammen Essen.

Mit dem Einzug in eine Familie hat auch meine Arbeit begonnen, die sich glücklicherweise als ausgesprochen vielfältig erweist, mir jedoch vor allem anfangs so einiges an Nerven geraubt hat. Meine ersten zwei Arbeitswochen waren aufgrund des indonesischen Verständnisses von Planung und Ordnung sehr anstrengend. So wusste ich in meiner ersten Arbeitswoche meistens am Morgen noch nicht, wo ich kurze Zeit später arbeiten sollte. Zwei Mal wurde ich spontan einfach in eine Klasse reingestellt, quasi ohne Vorwarnung auf die armen Kinder losgelassen- Spontaneität und Gelassenheit sind hier wirklich das A und O. Ganz dem bequemen, indonesischen Tempo entsprechend, hat es gute zwei Wochen gedauert, bis sich arbeitstechnisch alles eingependelt hatte. Das Ergebnis ist ein buntes Konzept: Mein Hauptaufgabenbereich ist die Arbeit mit aidskranken Menschen. Zwei Mal die Woche (montags und mittwochs) arbeite ich gemeinsam mit meinen Kollegen vom HIV- Aids -Schalter im Krankenhaus in der Abteilung für Aidskranke. Wir kümmern uns um ihre Dokumente, besorgen Medikamente, begleiten HIV- Positive zu Untersuchungen, fahren sie ins Laboratorium oder besuchen sie und sehen, wie es ihnen geht und ob sie irgendetwas brauchen. Die Arbeit im Krankenhaus ist immer mit sehr viel Warten verbunden, weil außer uns noch sehr viele andere HIV- Positive ihre Medikamente regelmäßig abholen müssen- die Abteilung für Aidskranke erinnert an eine Flughafenhalle und teilweise ist es erschreckend, welche Schicksale ich hier zu sehen bekomme.

An zwei Tagen die Woche gibt es für mich dann das Kontrastprogramm schlechthin. Habe ich doch die letzten dreizehn Jahre meines Daseins schon die Schulbank drücken müssen und eigentlich gedacht, dieses Kapitel erfolgreich hinter mich gebracht zu haben, geht es jetzt doch wieder zurück, wenn auch diesmal in einer anderen Rolle: Ich bin die Lehrerin und habe das Sagen- zumindest theoretisch. Dienstags unterrichte ich Klasse vier, fünf und sechs in Englisch, jeweils zwei volle Stunden am Stück. Freitags unterrichte ich an einer anderen Schule Deutsch für die sechste Klasse. Auch wenn das Unterrichten anstrengend ist, macht es doch meistens Spaß.

Donnerstags arbeite ich im HIV- Aids Schalter und erledige, was gerade so ansteht. Von Sortieren und Vervollständigen der Akten und Dokumente bis zur riesen Putzaktion mit meinen Kollegen ist alles dabei. Danach stehen unsere wöchentlichen Hausbesuche an, was für mich der schönste und spannendste Teil meiner Arbeit ist. Dann fahren wir in umliegende Dörfer oder verschiedene Teile der Stadt und besuchen unterschiedlichste Menschen und Familien, die von Aids betroffen sind. Oft sind es Kinder, deren Eltern schon gestorben sind und die bei ihren Großeltern oder anderen Verwandten leben. Wir bringen ihnen Milch und manchmal auch andere Lebensmittel, reden mit der Familie, hören zu, welche Anliegen sie gerade haben und sind einfach für sie da. Diese Besuche geben mir immer einiges zum Nachdenken. Das ist schon eine ganz andere Welt mit so ganz anderen Problemen…

Auch am Wochenende fällt immer mal wieder Arbeit an. Samstags habe ich zwei Mal an einer Schule für Kinder aus ärmeren Verhältnissen unterrichtet. An einem Wochenende habe ich bei einem Retreat der Kirche in der Nachbarstadt „Batu“ als Referentin gearbeitet, wo ich vor knapp vierzig Kindern eine Geschichte vorgelesen und eine kurze Andacht gehalten habe, das Ganze auf Indonesisch- eine echte Herausforderung!

Neben der Arbeit bleibt aber auch immer noch genügend Freizeit und so waren in den letzten sechs Wochen einige sehr schöne Erlebnisse mit meinen indonesischen Freunden dabei. Neben Ausflügen in die Nachbarstadt „Batu“ und lustigen WG- und Caféabenden, haben wir auf zwei Konzerten gerockt (und da ist es echt von Vorteil, größer als schätzungsweise 85 Prozent der anwesenden Studenten zu sein! Egal, wo man steht, man hat immer einen super Blick auf die Bühne J).

Mein absolutes Highlight der letzten sechs Wochen war ein Kurzurlaub in der großartigen Stadt Yogyakarta, zu der mich meine indonesische Freundin Grace begleitet hat. Allein die Fahrt nach Zentraljava war ein Abenteuer für sich: Elf Stunden im windschiefen Kleinbus ordentlich durchgeschüttelt werden, das Ganze natürlich wie immer ohne Anschnallgurte und mit einem Fahrer, der den Bus dann auch einfach mal über den Straßengraben jagt, weil er keine Lust auf Stau hat- genau nach meinem Geschmack! J 

In Yogyakarta ging es ebenso abenteuerlich weiter. Neben der größten hinduistischen Tempelanlage Indonesiens, dem Prambanan, haben wir im Borobudur Tempel, der größten buddhistischen Manifestation der Welt, bei Temperaturen von über vierzig Grad den Weg zur Erleuchtung gefunden. An Kultur und Hitzewallungen hat es uns in diesen Tagen nun wirklich nicht gefehlt und neben weiteren Sehenswürdigkeiten im schönen, bunten und heißen Yogya haben wir vor allem das Shoppingparadies voll und ganz ausgeschöpft und so ziemlich den halben Basar leergeshoppt. An dieser Stelle kann ich die Handelskunst meiner indonesischen Freundin Grace wirklich nur gen Himmel loben! Wundervolle Schnäppchen, die einen wirklich die Freudentränen in die Augen jagen. Allein dafür hat sich der weite Weg schon gelohnt!

Diese vier Tage waren nicht nur deshalb ein Highlight, weil ich meine erste warme Dusche nach zweieinhalb Monaten genießen durfte (ich dachte wirklich, ich bin im Himmel!) und endlich mal wieder PIZZA gegessen habe (alles, was ich hier bisher in diese Richtung gegessen habe, kann man wirklich nicht als solche bezeichnen!), sondern vor allem, weil wir dort Familie Börner aus Deutschland besucht haben, die in Yogya zur Zeit ihren Sprachkurs absolviert und in zwei Wochen zu mir nach Malang zieht. Ich freue mich riesig!

Gemeinsam werden wir dann wohl versuchen, bei 35 Grad ein bisschen Weihnachtsstimmung heraufzubeschwören, denn davon ist hier wirklich noch nichts zu spüren.

In diesem Sinne heiße und sonnige Grüße ins kalte, vorweihnachtliche Deutschland. Esst Lebkuchen für mich mit!

Bis bald, eure Chaosnudel

 

 

Kurze Zwischennachricht: Ja, ich lebe noch!

Autor: Viola | Datum: 13 November 2012, 11:59 | Kommentare deaktiviert

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Ich weiß, die indonesische Unpünktlichkeit scheint abzufärben! Mein neuer Blogeintrag lässt ganz schön lange auf sich warten. Zu meiner Verteidigung: Der Rundbrief hat einige Zeit in Anspruch genommen. Damit es aber auch für die Rundbriefempfänger spannend bleibt, lasse ich diese Woche noch verstreichen. Die nächsten fünf Tage werde ich nämlich in Zentraljava in der Stadt Yokyakarta verbringen. Wen ich dort besuche und was ich eigentlich sonst so den letzten Monat getrieben habe, erfahrt ihr nächste Woche!

Bis dahin regnerische Grüße (ja, den gab es heute!) aus dem viel zu heißen Malang!

Eure Vio