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Bright Christmas

Autor: Viola | Datum: 27 Dezember 2012, 01:35 | Kommentare deaktiviert

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Als wir einmal das Weihnachtsbaumschmücken meiner großen Schwester überlassen haben und ich anschließend unser kleines, verzweifeltes Bäumchen betrachtete, dessen Grün sich unter den Unmengen von glitzernden Lametta und wild leuchtenden Christbaumschmuck nur erahnen ließ, glaubte ich nicht mehr an eine Steigerung weihnachtlichen Kitschs. Oh weit gefehlt! Was sich mir hier diesen Monat geboten hat, überschreitet jegliche Vorstellungskraft.

Da bin ich wieder mit einem neuen Einblick in meinen heißen, regnerischen und leuchtenden letzten Monat, den Dezember.

Während ich gegen Ende November noch stark daran zweifelte, bei 36 Grad jemals in eine Art Weihnachtsstimmung zu kommen, endete sich alles schlagartig mit meinem ersten Weihnachten am 12. Dezember. Moment mal, erstes Weihnachten?! Tja, die Indonesier scheinen sich wohl nicht ganz auf ein Datum geeinigt haben zu können. Während man bei uns in Deutschland schon Wochen vorher mit Adventskalender und Kranz auf den Heiligen Abend hin fiebert, wird hier ab dem ersten Dezember einfach ständig überall Weihnachten gefeiert. Ob in der Schule, auf der Arbeit oder in der Kirche, jedes Mal gibt es ein riesen Spektakel mit Gottesdienst, tausend Auftritten, viel Gesang und natürlich ganz viel Essen.

Aber selbst wenn man nicht die Freude hat, von einer Weihnachtsfeier zur nächsten zu tanzen oder wie der Großteil der javanischen Bevölkerung Muslim ist und somit gar kein Weihnachten feiert, ist es hier schlicht weg unmöglich, Weihnachten zu vergessen- trotz Hitze und Palmen. Ich habe es vorhin schon angedeutet. Die Javaner LIEBEN Kitsch, es kann einfach nicht genug davon geben. Allgemeine Faustregel: Je mehr es glitzert, desto besser! So wurde mein Augenlicht in diesem Monat stark strapaziert. Die Weihnachtsbäume (ja, die gibt es hier auch, allerdings nur aus Plastik) werden mit funkelndem Kram nur so überschüttet und auch der Weihnachtsbaum in der Kirche leuchtet rund um die Uhr wie wild in allen nur erdenklichen Farben- wie soll sich da noch einer auf die Predigt konzentrieren? Auch vor den Shoppingmalls stehen überdimensionale Weihnachtsfiguren neben beleuchteten Palmen und das hat dann irgendwie auch schon wieder Stil!

Bei meinem ersten Weihnachten haben uns sechzig Frauen aus unserem Hauskreis die Bude eingerannt. Gemeinsam mit dem Pfarrer musste ich vorne „White Christmas“ trillern- es lebe die Ironie! Mit diesem Auftritt habe ich dann wohl unfreiwillig den Startschuss für sämtliche weitere gegeben und der darauf folgende Weihnachtsmarathon bot reichlich Gelegenheit. Mittlerweile bin ich schon gewohnt, zwei Minuten vorher gefragt zu werden und bin bei den abenteuerlichsten Aktionen dabei. Ich sag nur: Augen zu und durch! So musste ich bei der Weihnachtsfeier der Kinder in der Kirche doch tatsächlich singend im weißen Gewand und Engelsflügeln auf der Bühne stehen- Langsam kann mich nichts mehr schocken!

Am 24. gab es dann einen dreistündigen Festgottesdienst mit rund 1000 Besuchern, auf den wir und unzählige anderen schon wochenlang hingearbeitet haben. Vor etwa zwei Monaten habe ich begonnen, Kolintang zu lernen, ein traditionelles indonesisches Instrument (ähnelt dem deutschen Xylophon). Mit meiner Kolintanggruppe bin ich im Weihnachtsgottesdienst drei Mal aufgetreten und habe außerdem vorne auf der Bühne das deutsche „Oh du fröhliche“ zum Besten gegeben, wobei mir mein Herz vorher ordentlich ins Kleid gerutscht ist, wie ihr euch sicher denken könnt. Im Endeffekt haben sich aller Stress und alle Aufregung gelohnt. Alle Auftritte sind super gelaufen, es hat tierisch Spaß gemacht und ich war unglaublich glücklich und erleichtert, als alles geschafft war.

Nie hätte ich gedacht, dass ich hier in Indonesien so schöne Weihnachten und vor allem einen so schönen Heilig Abend feiern würde. Dieser folgte nämlich im Anschluss an den Gottesdienst mit einiger Verspätung. Gemeinsam mit der Familie Börner und einer Studentin aus Leipzig, die wir hier kennengelernt haben, hatten wir einen wunderschönen Weihnachtsabend mit köstlicher Hacktorte (großes Lob an die Erfinder!), lustigen Spielen, Bescherung und wunderschönen Zusammensein. Und so habe ich mich an diesem Abend mit meiner geliebten Heimat ganz verbunden gefühlt- ein großes Geschenk.

Seit Heilig Abend bin ich im stolzen Besitz einer elektrische Mückenklatsche, die die kleinen Biester mit einem Licht anlockt, herrliche Stromschläge verteilt und jedes Mal einen wundervollen Knall von sich gibt, wenn ich eines von den Monstern erwischt habe- Musik in meinen Ohren! Mückentöten ist mittlerweile schon zum richtigen Hobby geworden. Zurzeit wird man von denen nämlich buchstäblich gefressen, was wir der Regenzeit zu verdanken haben. In der Regel gibt’s einmal am Tag einen ordentlichen Monsunregen, der auch gerne mal mehrere Stunden andauert, eine tolle Geräuschkulisse aus Blitz und Donner mit sich bringt und ganze Straßen unter Wasser setzt- da kann man schon fast auf Gondeln umsteigen. Bevor der Himmel beginnt, sich vollends zu entleeren ist es meistens brühend heiß. Nach dem Regenguss kühlt es dann deutlich ab. Dieser Wechsel macht meinem Köpfchen etwas zu schaffen und trägt mit dazu bei, dass mein Temperaturhaushalt immer weiter fröhlich in den Keller wandert. So langsam frage ich mich ernsthaft, wie ich den nächsten deutschen Winter überstehen soll, wenn ich schon bei 28 Grad zu frieren beginne und mit Pullover durch die Gegend stapfe…

Neben all den Weltuntergängen und Weihnachtstamtam ging das Arbeitsleben natürlich wie gewohnt weiter. Das Unterrichten macht mir immer mehr Spaß und ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ich das noch einmal sagen würde, aber: Ich gehe richtig gern zur Schule! :) Mittlerweile hat sich eine entspannte Routine eingestellt. Ich habe den Dreh raus, weiß, welche Methoden bei welcher Klasse am besten funktionieren und genieße den Freiraum, den ich beim Unterrichten habe. Der Deutschunterricht bietet eine tolle Möglichkeit, den Kindern mal eine ganz andere Kultur zu vermitteln. Mittels Quiz, kleinen Referaten und Spielen geht es von deutschen Berühmtheiten bis hin zu deutschem Wetter, Essen und natürlich deutschem Fußball. Ich stelle zunehmend fest, dass mir die Kinder immer mehr ans Herz wachsen und freue mich morgens über eine freudestrahlende, stürmische Begrüßung ihrerseits.

Auch bei der Arbeit im Krankenhaus hat sich Routine eingestellt und ich kann einiges an anstehenden Aufgaben schon selbstständig übernehmen. Die Betreuung der HIV- Positiven ist nach wie vor spannend und bewegend zugleich. Ich weiß am Morgen nie, was mich erwartet. Jedes Mal, wenn wir mit den Dokumenten und Medikamente besorgen fertig sind, besuchen wir die Station der HIV- Positiven. Die Besuche bringen schöne, aber auch erschreckende und traurige Erlebnisse mit sich. Während wir uns oft an Fortschritten und gesundheitlicher Besserungen erfreuen können, gibt es aber auch immer mal wieder Patienten, die starke Schmerzen haben und kaum atmen können. Das ist schwer mit anzusehen, weil man so gerne helfen möchte, ihnen die Schmerzen aber nicht nehmen kann. Auch wenn die Erfolge überwiegen und die Patienten nach ihrem Aufenthalt gestärkt nach Hause gehen, kommt es leider auch vor, dass Patienten sterben. Dann stehe ich plötzlich vor einem leeren Bett. Dass das Leben und ein gesunder Körper ein großes, nicht selbstverständliches Geschenk ist, wird mir immer wieder neu bewusst.

Neben der Arbeit war mein Alltag in diesem Monat erfüllt von schönen gemeinsamen Nachmittagen und Abenden mit Familie Börner, bei denen ich jeder Zeit willkommen bin und gerne auch mal typisch indonesisch unangekündigt zur Tür reinplatze. Ein Stück Heimat in der Ferne und das nicht nur wegen des guten deutschen Essens! ;)

Auch meine indonesische Familie wächst mir mächtig ans Herz und ich fühle mich immer mehr zu Hause. Seit Anfang Dezember ist mein Indonesienpapa offizieller Pizzabäcker und verkauft jeden Abend am Straßenrand die beste indonesische Pizza der Welt, um hier mal ein bisschen zu prahlen. :) Auch wenn die Pizza die Halluzinationen von singenden Spekulatius vor meinem inneren Auge nicht ganz vertreiben kann, ist der freie Zugriff auf Pizza natürlich ein echter Genuss! Um Weihnachten rum ist bei uns Full House angesagt und der ganze Trubel lenkt wunderbar ab von sehnsüchtigen Gedanken an meine Liebsten zu Hause, die ich – trotz tanzenden Vanillekipferl vor der Webcam (Ja Papa, du bist gemeint! :))- soo gerne einmal feste in die Arme schließen würde!

Zuletzt dürft ihr noch einmal raten, wo ich mit meiner indonesischen Familie ins neue Jahr reinfeiern werde. Na, eine Idee? Welche Insel liegt direkt neben Java?! Genau! Leute, es geht für mich nach BALI!!! :)

In diesem Sinne wünsche ich euch allen Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch in 2013! Nächstes Jahr bin ich wieder dabei!

Ganz viel Liebe und Wärme ans andere Ende,

eure Chaosnudel

PS: Mein Weihnachtsgeschenk an euch: Es gibt endlich Fotos! Besser spät als nie, nicht wahr? :)