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Autor: Viola | Datum: 09 März 2013, 09:33 | Kommentare deaktiviert

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Musste ich letztens tatsächlich von unserer Haushaltshilfe überredet werden, zur Shopping Mall zu laufen, anstatt wie geplant einen der kleinen Busse (Angkots) zu nehmen? „Vio, das sind wirklich nur ein paar Minuten. Laufen ist gesund!“

Am Flughafen in Bali gehe ich auf einen weißen Stuart zu. Im letzten Moment fällt mir ein, dass ich ihn wohl kaum auf Indonesisch fragen kann, zu welchem Schalter ich denn müsse. Für einen kurzen Moment bin ich vollkommen verwirrt. Wie ging das doch gleich mit dem Englisch…?

Zum Kolintang Unterricht komme ich eine ganze Stunde zu spät und werde grinsend mit den Worten empfangen „Richtig so Vio, du hast es kapiert!“

Abends fahre ich mit meiner indonesischen Freundin wie üblich laut singend durch die Straßen. Auf ihre Frage, was wir denn heute Abend essen wollen lautet meine Antwort nur: „Ist mir egal, Hauptsache Reis.“

Sechs Monate Indonesien… und ich bin angekommen.

Jetzt habt ihr schon lange nichts mehr von mir gehört, was sicherlich mit dieser Tatsache zusammenhängt. Ich merke buchstäblich, wie die indonesische Gelassenheit auf geisterhafte Weise von mir Besitz ergreift, wobei sie zugegebener Maßen auch ein herrliche Ausrede für Trödelleien aller Art ist- wie dieser verspätete Blogeintrag. Ich bin wirklich stolz, dass ich mich für Heute den Klauen der Bequemlichkeit entreißen konnte, um Euch endlich einen Einblick in meine letzten zwei indonesischen Monate zu verschaffen. Also, los geht’s! Besser spät als nie, nicht wahr? :)

Nach einem wunderschönen Weihnachten ging es mit meiner Indonesischen Familie nach Bali, wo wir unter anderen meinen Gastbruder und seine Familie besucht haben. Für mich war dieser Urlaub eine tolle Möglichkeit,  diese faszinierende Insel aus einem einheimischen und durch und durch indonesischen Blickwinkel kennen zu lernen. So haben meine Gasteltern in dem Touristenort Kuta zum Beispiel nicht wie alle anderen Touristen eines der unzähligen europäischen Restaurants aufgesucht, sondern sind lieber über eine Stunde in der Gegend rumgekurvt, um irgendwo indonesisches Essen, sprich Reis, aufzutreiben. Ich hingegen war vielmehr damit beschäftigt, völlig verwirrt und schockiert aus der Wäsche zu gucken, bei so vielen weißen, „freizügigen“ Touris, die in knappen Hotpants und Tank Tops, manchmal sogar nur im Bikini (!!!), die Strandpromenade langgestapft sind- Tztztz…bei uns im muslimisch geprägten Java hätte es so etwas nicht gegeben! Nachdem der kleine, anfängliche Kulturschock überwunden war, habe ich es dann aber sehr genossen, nicht wie sonst üblich der „Bule“ (Ausländer) zu sein, der von allen Seiten angestarrt wird. Umgeben von Weißen gehörte ich - zumindest äußerlich- zur totalen Mehrheit, ein vollkommen ungewohntes Gefühl.

Ein absolutes Highlight war für mich das Silvester auf Bali. Mit zehntausenden Menschen aus aller Welt haben wir am Strand das bombastischste Feuerwerk meines Lebens gesehen, das um sieben Uhr abends begann und sich von da an stetig gesteigert hat. Um Zwölf Uhr dachte ich wirklich, der Himmel würde explodieren! Das war einfach unglaublich und grenzte schon fast an Größenwahn! Danach konnte ich erleben, wie ganz Kuta zu einer einzigen, riesigen Tanzfläche wurde. Es war ein Wahnsinns Gefühl, Teil des Ganzen zu sein und dieses großartige Fest „mitgestalten“ zu können! :)

Nach diesem unvergesslichen Neujahr sind meine Gasteltern zurück nach Malang gefahren, wobei ich mit meinem Gastbruder spontan noch ein paar Tage auf Bali bei unserer Familie geblieben bin. In dieser Zeit bekam ich traumhafte, versteckte Buchten, Sandstrände und einen tollen Hindutempel zu sehen. Bali hat mir so gut gefallen, dass meine Gastmutter mich vor ihrer Abreise mehrmals daran erinnerte, doch bitte auch wieder zurück zu kommen „Jangan lupa pulang ya!“ (Vergiss nicht, nach Hause zu gehen!). Nach Bali war ich mehr denn je verzaubert von diesem unbeschreiblichen Land, auch wenn mein Magen aufgrund des scharfen, balinesischen Essens (habe sogar Schildkröte probiert!) noch ein paar Tage lang Achterbahn gefahren ist.

Nach einer relativ kurzen Arbeitsphase im Januar stand dann auch schon das Zwischenseminar vor der Türe, an dem 15 Freiwillige aus unterschiedlichen Organisationen zu mir nach Malang gekommen sind. Das Wiedersehen mit den Freiwilligen der VEM war wunderschön und es gab so viel zu erzählen, zu lachen und zu diskutieren, denn die von den verschiedenen Inseln mitgebrachten „Dialekte“ , ließen den einen oder der anderen die Haare zu Berge stehen. Das ist dann wohl in etwa so, wie wenn in Deutschland der Bayer auf den Schwaben trifft. :) Auf dem Gelände der Kirche hatten wir dann fünf intensive, lehrreiche und schöne Tage zusammen. Der Austausch mit den anderen Freiwilligen und unser darauffolgende Urlaub auf Bali und den Gili- Inseln, hat uns allen unglaublich gut getan und wir haben es sehr genossen, einfach mal Tourist sein zu dürfen, Deutsch zu sprechen, den gleichen Humor zu haben und zu beweisen, dass man auch ohne Reis satt werden kann! :)

Nach dem Urlaub mit den Freiwilligen folgte eine echte „Durchhänger- Phase“, die sich ein bisschen wie ein zweiter Kulturschock angefühlt hat. Ich habe mich plötzlich wieder wie der tollpatschige Riese vom Anfang gefühlt und all die typischen, automatisch internalisierten Verhaltensmuster, wie zum Beispiel die gebückte Haltung und das entsprechende „Permisi“ (Verzeihung), wenn man an älteren Menschen vorbeigeht, kamen mir wieder fremd und ungewohnt vor. Dieses plötzliche Wiederempfinden von Fremdheit und eigener Andersartigkeit war nicht leicht. Auf der anderen Seite wurde mir dadurch aber auch deutlich, wie gut ich mich zuvor schon eingelebt- und an alles gewöhnt hatte. Dass ich „weiß und riesig“ bin, war überhaupt kein Thema mehr gewesen… Seit diese „Krise“ überwunden ist, habe ich mehr denn je das Gefühl, wirklich angekommen zu sein. Ich habe mein zweites zu Hause wieder-, beziehungsweise neugefunden und sehe meine Welt, die Menschen um mich herum und vor allem mich selbst mit anderen Augen.

Mit diesem „neuen Blick“, diesem neuen, viel stärkeren Gefühl der Zugehörigkeit, genieße ich momentan meinen Alltag und das Vertraute. Ich genieße es, mich nicht mehr ständig fragen zu müssen, ob ich mich gerade richtig verhalte und ich genieße es, immer indonesischer zu werden, nicht nur innerlich. Denn mit meiner zunehmend braunen Hautfarbe toppe ich jetzt sogar schon meine Gastmutter, wobei ich nach wie vor die Einzige bin (und immer sein werde), die sich darüber freut. :)

Apropos Äußerlichkeiten. Die indonesische Direktheit schafft es nach wie vor, mich ab und an in wirklich unangenehme Situationen zu verfrachten. So zum Beispiel an meinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub mit den Freiwilligen: Ich laufe durch die große Halle im Krankenhaus, als mir mein Kollege am anderen Ende freundlich entgegenruft ruft „Oh Vio, wie ich sehe, bist du dunkler und dicker geworden!“ Und schwupps stehe ich da wie ein begossener Pudel. Na, vielen Dank für so viel Indiskretion!

Neben dem Pudel fühl ich mich momentan immer öfter wie ein kleines Kind, das sehnlichst auf den Heilig Abend oder den zehnten Geburtstag hin fiebert und jeden Augenblick vor Aufregung und Vorfreude platzen könnte. Der Grund: In zwei Wochen kommt meine Mama zu mir geflogen! Ich kann es kaum erwarten, sie in die Arme zu schließen und ihr meine Welt zu zeigen!!! Bis dahin muss ich mich allerdings noch ein bisschen gedulden und in Anbetracht dessen, dass die Vorfreude- Kleinkind- Attacken in immer kleineren Abständen kommen, in etwa wie die Wehen bei einer Schwangeren, ist es für alle Beteiligten ein echter Segen, dass es nächste Woche erst noch mal ein paar Tage mit meiner Gastfamilie und dem Büro ins geliebte Yogyakarta nach Zentraljava geht. Da hab ich im Sightseeing, Hitze und Shoppingparadies hoffentlich genug Ablenkung. :)

Ich schicke euch eine ordentliche Portion Sonne, Wärme und Gelassenheit und hoffe, es kommt an!!!

Alles Liebe und bis bald,

eure Chaosnudel

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