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How I met my mother

Autor: Viola | Datum: 27 Mai 2013, 15:43 | Kommentare deaktiviert

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In den letzten zwei von zwölf Staffeln

…habe ich mir zum zweiten Mal im Borobudur die Erleuchtung verschafft

…hatte ich zweieinhalb Wochen Besuch einer hübschen, ausgesprochen abenteuerlustigen Dame aus Deutschland, mit der ich auf entsprechend abenteuerliche Weise eine zutiefst abenteuerliche Insel erkunden durfte

…bin ich ganze fünf Minuten durch die Luft geflogen, um anschließend eine Bruchlandung im Reisfeld hinzulegen

…durfte ich nun auch endlich mal in den Genuss der javanischen Delikatessen Hühnerfuß, Kopf und Gehirn kommen

…kam ich eines Nachts mit Tortencreme in Haaren, Ohren, Klamotten… eingeseift  nach Hause

…habe ich mich zum ersten Mal getraut, wie alle Javaner in der Öffentlichkeit laut zu rülpsen (und wurde anschließend gebührend dafür gefeiert!) J

Jetzt fragt ihr Euch sicherlich (und das zu Recht), ob das Hühnergehirn vielleicht nicht doch zu ungeahnten Aussetzern bei mir geführt hat. Was bitte haben Hühnerfüße im Magen, Vio in der Luft und Torte in den Ohren zu suchen?! Keine Angst, ich habe für (fast) alles eine Erklärung!

Ähnlich wie bei der Serie „How I met your mother“ hat es auch bei mir eine geraume Zeit gedauert, nämlich genau sieben lange Monate, bis ich meine Mutter am anderen Ende der Welt getroffen habe. Damit wären wir bei der mysteriösen deutschen Dame, die eines heißen Freitag Mittags in Winterstiefeln durch die Schiebetüren des Flughafens gestapft kam und stürmisch und tränenreich von einem wilden Lockenkopf im indonesischen Kleid in Empfang genommen wurde. Zweieinhalb Wochen in meiner Welt: indonesische Familie, Freunde und zweites zu Hause kennenlernen, größtenteils nur Bahnhof verstehen, sich mit der guten alten Wasserkelle anfreunden, Kakerlaken Immunität entwickeln, deutsches Brot herbeisehnen, Moschee Geheule verfluchen, indonesisches Essen genießen, Privatsphäre vermissen, den Tod bei jedem Straße überqueren von der Schippe hüpfen, mit diversen Hitzeattacken kämpfen, in den Genuss indonesischer Gastfreundschaft und Großzügigkeit kommen, Unorganisiertheit und Verpeiltheit in ihrer liebenswertesten Form kennenlernen, traumhafte Landschaften sehen, Armut erleben, in eine Flut von neuen Farben, Geschmäcken, Geräuschen, Gerüchen stürzen … Kurz: In eine ganz andere Welt eintauchen.

Das Highlight in diesem zweieinhalb wöchigen Serienhighlight war für mich unser gemeinsamer Urlaub auf Lombok, der Nachbarinsel von Bali, wobei uns bereits der Hinflug einen abenteuerlichen Aufenthalt versprach: Ein kleines, vollgestopftes Flugzeug mit genau zwei Weißen (nämlich wir), welches erst zur Landung den Flughafen anpeilt, sich dann aber in letzter Sekunde dazu entscheidet , doch noch mal in die Höhe zu schießen und uns zwanzig Minuten wackeliges Sightseeing in fragwürdiger Höhe zu bieten- Monsunregen sei Dank! Nach diesem Erlebnis ging es für mich und meiner nun tatsächlich noch käseweißeren Mutter für fünf Tage nach Senggigi, an die Westküste der Insel, von wo aus wir am ersten Tag das Landesinnere erkundet haben. Unsere zuvor geplante Sightseeingtour hat dann jedoch vielmehr eine indonesische Eigendynamik entwickelt und war im Großen und Ganzen ein Abenteuer für sich. Nachdem wir am Morgen mit einer Affenfamilie einen Berg erklungen durften, haben wir uns im Anschluss und zum großen Spaß der Einheimischen durch matschigste Reisfelder und Dschungel geschlagen (nicht ohne uns alle zwei Meter abwechselnd hinzulegen), nur um zu Wasserfällen zu gelangen, die dann netterweise aber doch ganz von selbst auf uns herabgeschossen kamen. Letztendlich haben wir mit Bananenblättern über den Köpfen Unterschlupf in einer kleinen Hütte im Nirgendwo gefunden, wo wir es uns mit unserem lustigen Guid, Snacks und netter Konversation gemütlich gemacht haben. An diesem Tag habe ich festgestellt,  dass es manchmal doch viel schöner ist, wenn Dinge nicht perfekt und nach Plan verlaufen, wenn die Regieanweisung einfach mal über Bord geworfen wird. J Nach diesem Abenteuer hatten wir uns ein paar wunderbare Tage im Luxus von Pool, Meer, köstlichem Essen und kleinem Bungalow mit toller Klimaanlage redlich verdient. Top erholt ging es als Endstation in den Hippieort Kuta an die Südküste Lomboks, wo wir in einer Bambushütte im „Schlümpfen Dorf“ gehaust- und Erkundungstouren durch traumhafteste  Auenland- Landschaften zu kilometerlangen, weißen Stränden gemacht haben- eine unbeschreiblich schöne Zeit! Nach diesen acht Tagen voller wunderbarer und abenteuerlicher Erlebnisse, vielen langen Abenden am Meer mit leckerem Essen, Sternenhimmel, Lichtermeer und Lagerfeuer mussten wir schweren Herzens den Heimweg antreten. Das Staffelfinale war unser Ausflug zum Vulkan Bromo, der mir meine indonesisch gewordene Kondition, aber auch den indonesisch gewordenen Temperaturhaushalt noch einmal gnadenlos vor Augen geführt hat. Während meine Gasteltern und ich uns bei den dort herrschenden, gefühlt arktischen Temperaturen aufs ordentlichste den indonesischen Hintern abgefroren haben, war meine Mutter vielmehr damit beschäftigt, sich über den Verkauf von Schals, Mützen, Handschuhen und Mänteln bei angeblich nur 17 Grad (niemals!) köstlich zu amüsieren. Ein bisschen mehr Mitgefühl bitte! Den anschließenden Aufstieg zum Krater möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Leider hat alles irgendwann ein Ende (außer die Wurst natürlich!) und nach diesen intensiven zweieinhalb Wochen viel uns die Trennung wirklich schwer. Umso dankbarer war ich, dass dann erst einmal zwei Wochen mit Familie Börner und Lena, der Freiwilligen aus Papua, auf mich warteten. Nach dieser „Verdauungspause“ konnte ich wieder ganz in die Kultur eintauchen und gestärkt die neunte Staffel in Angriff nehmen.

Vor allem im Bereich Arbeit hat sich in der letzten Zeit einiges getan. Aufgrund des Umzugs des Aids- Schalters auf das Kirchengelände nur zehn Minuten von mir entfernt, verbringe ich jetzt sehr viel Zeit mit den HIV- Positiven. Wir kochen gemeinsam, spielen Karten und oft sprechen wir über Themen wie Diskriminierung und Stigmatisierung, wobei die HIV- Positiven ganz offen aus ihrem Leben, über Erfahrungen und ihre Krankheit erzählen. Für mich ist die Arbeit oftmals sehr erfüllend, weil sehr viel Dankbarkeit entgegengebracht wird und es ist ein schönes Gefühl, eine Hilfe sein zu können, einfach nur, indem man da ist und Zeit mit ihnen verbringt. In der Schule habe ich mir in den Kopf gesetzt, das Thema Umweltverschmutzung mit den Kindern durchzunehmen. So müssen sich meine armen Schüler derzeitig mit Themen wie Mülltrennung und den Folgen der Umweltverschmutzung auseinandersetzen und werden mit grundlegenden Fragen, zum Beispiel welche Rolle die Umwelt für uns überhaupt spielt und was wir tun können, um der Umweltverschmutzung und dem enormen Plastikkonsum entgegenzuwirken, konfrontiert. Ob es letzten Endes etwas an ihrem Umweltbewusstsein ändert, weiß ich nicht, aber ein Versuch ist es wert! Mehr zu meiner Arbeit in der Schule und mit den HIV-Positiven gibt’s im nächsten Rundbrief, ich will hier ja noch nicht alles vorwegenehmen. ;)

Vor Abschluss bin ich Euch noch die Tortengeschichte und Bruchlandung im Reisfeld schuldig. Letzteres  war eine spontane, zugegebener Maßen leicht waghalsigen Idee, vor allem angesichts der optimalen indonesischen Sicherheitsbedingungen. Ausgestattet mit einem Helm, bei dem das Sprichwort „passt, wackelt und hat Luft“ noch einmal eine ganze neue Bedeutung bekommt und einem klar formulierten Arbeitsauftrag: „Du rennst einfach los, bis der Abgrund kommt und dann schauen wir mal weiter…“, habe ich natürlich keine einzige Sekunde an meinem Überleben gezweifelt! Nur an meinem Magen, der jetzt wohl erst einmal genug vom Parasailing hat...

Apropos Magen. Wie heißt es in Deutschland so schön: „Mit Essen spielt man nicht“? Wie gut, dass ich in Indonesien bin und mich im Notfall ja auch immer noch den javanischen Geburtstagsbrauch berufen kann. An dieser Stelle kann ich von Glück sagen, dass mein Geburtstag in Staffel eins lag und ich somit ohne es zu ahnen noch einmal glimpflich davon gekommen bin. Wer nämlich gedacht hat, dass man hier auf Java als Jugendlicher oder junger Erwachsener am Geburtstag mit Geschenken, Ständchen, Umarmungen und Torte beschenkt wird, der täuscht sich gewaltig! Naja, letzteres stimmt dann doch… so irgendwie zumindest. Der Geburtstag ist vielmehr ein inoffizieller Startschuss, mit dem das Geburtstagskind eine Woche als vogelfrei, oder vielmehr Torten/ Kaffe/ Milch/ Eier und „alles, was sonst noch dreckig macht und schwer aus Haaren und Klamotten rausgeht“- frei  erklärt wird. Verständlicherweise ist dieser Geburtstagsspaß nicht überall üblich und beliebt, wenn man jedoch so bekloppte Freunde hat wie ich, dann selbstverständlich schon! So durfte meine arme Freundin nach gemeinsamen Geburtstagsessen im Restaurant Anfang des Monats zum dritten Mal Opfer dieses schönen Rituals werden. Dass das bei uns allerdings in einer heillosen Tortenschlacht endet, hätte man sich ja eigentlich auch denken können. Wie gut, dass die Javaner zu höflich sind, um Hausverbote zu erteilen. ;)

Wenn ich die letzten zwei Staffeln Revue passieren lasse, bin ich erstaunt darüber, wie viel schon wieder passiert ist. Die Zeit legt ein flottes, deutsches Tempo vor. In drei Staffeln ist die Serie „Chaosnudel in Indonesien“ endgültig abgedreht und bevor  ich jetzt noch sentimental werde, mache ich besser Schluss!

Ich drücke Euch deutsch und damit ganz feste!

Alles Liebe,

eure Vio

PS: Im Album gibt’s neue Fotos!